Komorbiditäten von Migräne: Ein Überblick¹
Die Erforschung von Komorbidiäten bringt nicht nur ein besseres Verständnis der Erkrankungsursachen mit sich und ermöglicht so neue Therapieansätze, sondern verbessert auch die spezifische Diagnostik und Therapie und ermöglicht das Erkennen von Risikofaktoren, eine Krankheit kann ein Risiko für das Auftreten einer anderen Erkrankung erhöhen. Da die Ursache für Migräne bis heute noch nicht vollständig abgeklärt ist, erscheint es besonders sinnvoll, die möglichen Begleiterkrankungen, die zum Teil schon besser beforscht sind, zu evaluieren.
Die Komorbiditäten lassen sich in folgende Gruppen einteilen: Kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt, psychiatrische Erkrankungen, wie Depression oder Angststörungen, neurologische Erkrankungen wie Epilepsie, Schlafstörungen, Atemwegserkrankungen wie Asthma, Hauterkrankungen wie Psoriasis, chronische Schmerzen wie zum Beispiel bei Fibromyalgie und sonstige. Diese Erkrankungen treten gehäuft im Zusammenhang mit Migräne auf. Warum das so ist, steht im Zeichen der Forschung: So konnte nachgewiesen werden, dass eine Migräneattacke eine Infarzierung eines Hirnareals auslösen kann und dieses wiederum zu einem epileptischen Anfall führen kann. Hier spricht man von einer unidirektionalen Kausalität. Andere Studien weisen darauf hin, dass sich Erkrankungen auch gegenseitig beeinflussen können, eine bidirektionale Kausalität also vorliegt, das gilt für Migräne und Depression: Migräne fördert das Auftreten von Depressionen und umgekehrt. Ein weiteres Forschungsziel besteht darin, gemeinsame genetische oder umweltbedingte Risikofaktoren herauszufinden, die einen Status hervorrufen, der beide Erkrankungen, also sowohl Migräne als auch die Begleiterkrankung, befördert. Das wäre ein Status der neuronalen Hyperexzitabilität, der die Ausgangsbasis sowohl für Migräne als auch für Epilepsie sein kann.
Es gibt auch erste Hinweise auf einen Zusammenhang von Covid19 und Migräne²: Da CGRP, das massiv am Migränegeschehen beteiligt ist, die IL-6-Blutwerte erhöht und bezüglich Covid19 bekannt ist, dass hohe IL-6-Spiegel bei an Covid19-Erkrankten zu einer Verschlimmerung der Symptomatik dieser Erkrankung führen, erscheint der Einsatz von CGRP-Hemmern bei Migräne bei Covid19-Patienten doppelt sinnvoll.
Die Forschung befindet sich hier noch ganz am Anfang. Eine bessere Awareness für Komorbiditäten von Migräne sowohl bei den behandelnden Ärzten als auch bei den Patienten (im Rahmen der Selbstbeobachtung) sind das Ziel, um eine bessere Diagnose und individualisierte Therapie dieser Erkrankung zu erreichen.
¹Dawn C. Buse, PhD; Richard Lipton, MD, “Migraine Comorbidities: What You Need to Know”, www.medscape.com, 6.Jan.2022
²Deena E. Kuruvilla, MD, “Post–COVID-19 Headache and Migraine: What’s the Connection?”, www.medscape.com, 11.Mar.2022
Dawn C. Buse, PhD und Richard Lipton, MD, arbeiten am Albert Einstein College of Medicine in New York als Clinical Professor.
Deena E. Kuruvilla, MD, ist eine vom Vorstand zertifizierte Neurologin und Direktorin des Westport Headache Institute in Fairfield County, Connecticut.