Medikamentenwirkung ist genetisch bedingt

Gene beeinflussen Medikamente: Die individuellen Erbinformationen geben Aufschluss über Abbau, Aktivierung, Transport und Wirkung von Arzneimittel. Die Unterschiede zwischen einzelnen Patient:innen sind groß. Je mehr genetische Informationen im Vorfeld erhoben werden, umso personalisierter, individualisierter und dadurch auch wirksamer kann eine Therapie erfolgen.

Bei den 6. PRAEVENIRE Gesundheitstagen im Stift Seitenstetten hielt Prof. Dr. Markus Paulmichl einen Vortrag zum Thema „Implementierung der personalisierten Medizin in den medizinischen Alltag am Beispiel der Pharmakogenetik.“ Ein spannendes Feld, das auch für Apotheken in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. 

„One fits all“ versus Personalisierung

Je mehr genetische Informationen in Therapie und Behandlung einfließen, umso höher ist der Grad der Individualisierung und der Personalisierung. In der konventionellen Medizin hat man lange Zeit Menschen mit der gleichen Diagnose mit den gleichen Medikamenten behandelt. Heute geht man einen Schritt weiter – ist das „one fits all“ Modell doch weitgehend überholt. Patient:innen sprechen, aufgrund ihrer Gene unterschiedlich auf Medikamente an.

Genetische Analysen für individualisierte Beratungen 

Genau hier setzt die Pharmakogenetik an. Mittels Risikostratifizierung werden Patient:innen herausgefiltert, die bei einer bestimmten Diagnose, ein spezifisches Medikament besser vertragen als andere. Diese Bewertung ist beispielsweise beim Einsatz von „Prodrugs“ relevant. Diese inaktiven Medikamente entfalten ihre Wirkkraft erst durch den Metabolismus in der Leber. Enzyme in der Leber sollen den Körper von xenobiotischen Substanzen entgiften. Jedoch gibt es einige Patient:innen bei denen durch genetische Veränderung oder Enzymdefekten ein oder mehrere dieser Enzyme nicht, bzw. anders funktionieren. Der Abbau erfolgt gar nicht, oder nur sehr langsam und es kommt zu einer erhöhten Wirkstoffkonzentration. 

Im Alltagsleben oft unbemerkt, kann es beim Abbau von Medikamenten im Körper zu schweren Nebenwirkungen kommen. „Wird das Medikament wie üblich mehrfach verabreicht, schaukelt sich die Konzentration derartig auf, dass man den kritischen Bereich von Nebenwirkungen erreicht“, schildert Dr. Paulmichl. Rund fünf bis sieben Prozent aller Hospitalisierungen in Österreich, die aufgrund von Nebenwirkungen erfolgen, lassen sich auf eine langsame Verstoffwechslung von Medikamenten zurückführen. 

Umgekehrt – wenn ein Medikament wesentlich schneller abgebaut wird, erreicht man die notwendige Dosiskonzentration nicht mehr. Hier zeigen Studien, dass nur 25 bis 60 Prozent aller Wirkstoffe den gewünschten Effekt erzielen. 

„Beide Ausreißer, ob ein zu langsamer oder zu schneller Abbau, verursachen hohe Kosten – rund 900 Mio. Euro pro Jahr“, meint Prof. Dr. Paulmichl. Ein großer Teil dieser Kosten könnte durch Messung des Metabolismus im Vorfeld eingespart werden. 

Vermeidung von Medikamenten-Interaktion

Gerade bei älteren Menschen die mehrere Medikamente einnehmen müssen, macht eine genetische Analyse Sinn. So können beispielsweise einzeln eingenommene Medikamente normal verstoffwechselt werden. Bei gemeinsamer Einnahme können sich diese im Abbau hemmen. Es kommt zu einer Phänotyp-Konversion. Der Metabolismus verhält sich, als ob eine Mutation vorliegen würde und das Medikament wird langsamer abgebaut. Würde man für alle Patien:innen die jeweilige Arzneimitteldosis individuell anpassen, kommt es insgesamt zu weniger Nebenwirkungen. 

Welche Enzyme für den Abbau eines Medikaments notwendig sind, ist in den Zulassungsunterlagen der EMA und anderer Zulassungsbehörden zu finden. Diese enthalten auch Angaben zu Dosierung je nach Phänotyp. 

Probleme ortet Prof. Dr. Paulmichl bei „der Analyse des Phänotyps in Labors – viele wissen nicht, wie so eine Testung konkret durchzuführen ist“. Dazu hat 2018 die EMA eine Guideline über den Ablauf von pharmakogenetische Untersuchungen, herausgegeben. In der Praxis hängt es vom Labor ab, ob alle für den Abbau eines Medikaments relevanten Mutationsmöglichkeiten ausgetestet werden. Sonst wird das Ergebnis verfälscht und es kann keine valide Voraussage getroffen werden.